Kleine, weisse Punkte mit grosser Bedeutung: Eiablage des Kleinen Moorbläulings in der Naturstation Silberweide
von Eliane Moine
An den blauen Blüten des Lungen-Enzians auf den Riedwiesen der Naturstation Silberweide zeigte sich Anfang August eine schöne Überraschung: winzige, helle Eier des Kleinen Moorbläulings. Ein besonderer Fund, der den Start einer neuen Generation eines unserer «Little Big Five»-Tiere markiert.
Über den faszinierenden Lebenszyklus des Kleinen Moorbläulings haben wir bereits in einem früheren Blog berichtet. Dieser Schmetterling ist ein echter Spezialist, was sich bereits bei der Wahl seiner Wirtspflanzen zeigt. Seine Eier legt er hauptsächlich auf dem Lungen-Enzian, zum Teil auch auf dem Schwalbenwurz-Enzian ab. Nach dem Schlüpfen bohrt sich die junge Raupe in den Fruchtknoten und ernährt sich dort bis nach der dritten Häutung von den sich entwickelnden Samen. Nach dem dritten Raupenstadium beginnt der erstaunlichste Teil der Entwicklung des Kleinen Moorbläulings. Die Raupe verlässt ihre Wirtspflanze, indem sie sich zu Boden fallen lässt und in der Folge darauf wartet, von einer geeigneten Knotenameise-Art entdeckt zu werden. Damit sie von den Ameisen angenommen wird, ahmt sie chemische Signale der Ameisenlarven nach - eine Form der Täuschung, die als chemische Mimikry bezeichnet wird. Die Arbeiterinnen tragen die Raupe daraufhin in ihr Nest und behandeln sie ähnlich wie den eigenen Nachwuchs. Dort überwintert sie, nimmt deutlich an Gewicht zu und entwickelt sich schliesslich zum Schmetterling. Nach rund zehn Monaten verlässt der frisch geschlüpfte Falter das Ameisennest.
Der Kleine Moorbläuling gehört zur Schmetterlingsfamilie der Bläulinge (Lycaenidae). Beziehungen zu Ameisen sind innerhalb dieser Familie häufig und können in unterschiedlichen Formen auftreten. Bei manchen Bläulingsarten profitieren beide Seiten: Die auf Pflanzen lebenden Raupen geben zuckerreiche Sekrete ab, die Ameisen anlocken. Für die Ameisen stellen diese eine wertvolle Nahrungsquelle dar. Im Gegenzug bewachen sie die Raupen und schützen sie vor Fressfeinden. Andere Bläulingsarten nutzen Ameisen als Wirte: Bei räuberisch lebenden Arten gelangen die Raupen dank chemischer Mimikry ins Nest und ernähren sich dort von Eiern, Larven oder Puppen der Ameisen. Die Anzahl Schmetterlingsraupen, die in einem Nest heranwachsen können, hängt folglich von der Grösse der Ameisenbrut ab. Der Kleine Moorbläuling wendet eine andere Strategie an: Seine Raupe lässt sich von den Arbeiterinnen wie der eigene Nachwuchs füttern. Diese Mund-zu-Mund-Fütterung wird als Trophallaxis bezeichnet. Diese sogenannte Kuckucksstrategie ist verträglicher für die Ameisenkolonie als der direkte Verzehr der Brut, sodass in einem Nest mehr Schmetterlingsraupen gleichzeitig heranwachsen können.
Damit die Täuschung langfristig funktioniert müssen ihre chemischen Signale denjenigen der Wirtsameisen so genau entsprechen, dass sie im Nest als Teil der Brut erkannt und gefüttert wird. Die Kuckucksstrategie geht daher mit einer ausgeprägten Spezialisierung auf bestimmte Wirtsameisenarten einher.
Die kleinen, weissen Eier auf den Enzianen sind also Teil eines komplexen und empfindlichen Zusammenspiels: Der Kleine Moorbläuling braucht den passenden Lebensraum, die richtige Wirtspflanze und die richtige Wirtsameise. Fehlt eine dieser Voraussetzungen, kann er seinen aussergewöhnlichen Lebenszyklus nicht vollenden.
Für die winzigen Eier des Kleinen Moorbläulings in der Naturstation Silberweide ist es noch ein weiter Weg bis zum fertigen Schmetterling – doch der erste Schritt ist geschafft! Wir drücken unserem kleinsten «Little Big Five»-Tier die Daumen, dass möglichst viele von ihnen diese anspruchsvolle Reise erfolgreich meistern und im kommenden Jahr als Schmetterlinge über die Riedwiesen flattern.
Herzlichen Dank, Walter, dass du diesen besonderen Fund auf der Riedwiese mit uns geteilt hast!