Es werde dunkel...und laut…
von Anja Witte
Anfang Juli verbrachte das Team der Greifensee-Stiftung zwei Tage im Naturpark Gantrisch und erfuhr dort viel über die grosse Bedeutung der Dunkelheit und darüber, welche Auswirkungen Lichtverschmutzung auf die Natur und die Menschen hat.
Einmal jährlich geht das Team der Greifensee-Stiftung auf gemeinsame Retraite, bildet sich weiter, erarbeitet gemeinsam Themen, verbringt Zeit miteinander und lässt sich inspirieren, indem es über den Tellerrand des Greifensee-Gebiets hinausschaut. Anfang Juli besuchten wir den Naturpark Gantrisch im Städtedreieck zwischen Bern, Thun und Freiburg. Mit dem lokalen Ranger erkundeten wir die wunderschöne Region. Wir erfuhren viel über die Moorlandschaften, die Wälder und Gewässer des Gantrischgebiets sowie die Herausforderungen, die sich beim langfristigen Erhalt der einzigartigen Natur- und Kulturlandschaft und dem gleichzeitigen Ermöglichen eines naturverträglichen Erlebens des Gebiets stellen.
Das eigentliche Thema der diesjährigen Retraite war jedoch die Dunkelheit. Der Naturpark wird nämlich in der Nacht zum «Sternenpark Gantrisch». Während der Nachthimmel im nahen Bern 40mal heller ist als in der unberührten Natur, ist er in der Gantrischregion «nur» 0.3- bis 2.5-fach erhellt. Anfang 2024 wurde der Naturpark Gantrisch für seine überdurchschnittlich hohe Nachtdunkelheit in seiner dunklen Zone als schweizweit erstes Gebiet mit dem internationalen Label «Dark Sky Park» ausgezeichnet.
Nicole Dahinden, Projektleiterin Nachtlandschaft beim Förderverein Region Gantrisch, gab uns einen anschaulichen Einblick in die Entstehung und Entwicklung des Projektes «Dark Sky Park», in Grundlagen zum Thema Lichtemissionen und in Methodiken der Wissensvermittlung zum Thema Dunkelheit und Lichtverschmutzung. Sie rief uns in Erinnerung, dass viele Tier- und Pflanzenarten nachtaktiv sind. Für diese Arten bedeutet eine Erhellung der Nacht oft eine Verkleinerung ihres Jagd- und Lebensraums und somit weniger Nachkommen. Bei Pflanzen kann eine Dauerbeleuchtung ihren Saisonrhythmus durcheinanderbringen und beispielsweise dazu führen, dass angestrahlte Äste desselben Baums früher blühen als solche, die keiner künstlichen Lichtquelle ausgesetzt sind. Die beleuchteten behalten zudem ihre Blätter im Herbst länger, was sie gegenüber Kälteeinbrüchen verletzlicher macht. Zugvögel wiederum ziehen grösstenteils bei Nacht und orientieren sich seit Millionen von Jahren an den Sternen. Sie werden von künstlichen Lichtquellen abgelenkt und in die Irre geführt, was sie viel zusätzliche Energie und schlimmstenfalls das Leben kostet. Auch für das Wohlbefinden von uns Menschen ist die nächtliche Dunkelheit von Bedeutung. Je nach Lichtverhältnissen schüttet unser Körper andere Hormone aus, die bestimmen, ob wir munter in den Tag starten oder nachts einen erholsamen Schlaf finden. Sind wir zu viel und zu hellem Kunstlicht ausgesetzt, kommt unser Bio-Rhythmus durcheinander und wir werden krankheitsanfällig.
Es sprechen viele Gründe dafür, unnötige Lichtemissionen zu reduzieren, um Menschen, Tiere und unsere Lebensräume zu schützen.
Theoretisch sehen wir dieselben Sterne wie unsere Ahnen vor Jahrtausenden, allerdings verhindern künstliche Lichtquellen immer mehr den Anblick des Sternenhimmels.
Etwa eine Stunde nach Sonnenuntergang wanderten wir bergauf zu einer geschützten Stelle, um den Nachthimmel mal wieder «unverschmutzt» zu erleben. Das dunkle Firmament mit Tausenden von funkelnden Sternen und vorbeisausenden Sternschnuppen war sehr eindrucksvoll und einige im Team sahen das zum ersten Mal in dieser Pracht. Zu denken gab uns die ebenfalls enorm grosse Anzahl an Satelliten, die ihre Bahnen zogen. Während die Lichtverschmutzung um uns auf ein Minimum reduziert war, hallte die unerwartete Lärmverschmutzung von den Glocken der sehr neugierigen Kühe noch lange nach.
Das gesamte Team der Greifensee-Stiftung war sehr beeindruckt von dem grossartigen Sternenhimmel über dem Gantrisch und den vielen Informationen über die Dunkelheit und über Lichtverschmutzung. Mit vielfältigen Ideen sind wir zurückgekehrt an den Greifensee und freuen uns auf das zeitnah anlaufende Projekt «Licht aus, Natur an!» zur Verringerung von Lichtemissionen in Siedlungsräumen und zur Förderung lichtsensibler Biodiversität, welches wir gemeinsam mit den Naturnetzen Pfannenstil und Zimmerberg sowie der Stiftung Pusch umsetzen wollen.
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